70 Jahre Kriegsende

Gedenkfeier 12. April 2015

Als die Granaten einschlugen

Ehrenwache: In Kleinlangheim wurde an die schrecklichen Ereignisse zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren gedacht.

 

„Der Zweite Weltkrieg und besonders der 9. und 10. April 1945 haben in Kleinlangheim in jeder Beziehung schwere Wunden hinterlassen.“ Bürgermeisterin Gerlinde Stier fasste damit die Beweggründe dafür zusammen, die Erinnerung an diese Zeit nie verblassen zu lassen. Sie ging beim Sonntagsgottesdienst auf die Geschehnisse ein, die vor 70 Jahren in der Gemeinde großes Leid hervorriefen.

Die Bürgermeisterin stützte sich bei ihrer Schilderung in der Hauptsache auf den Bericht von Karl Paul, den dieser 1995 nach Gesprächen mit Zeitzeugen zusammengestellt hatte. Den Ausführungen Pauls liegen auch ein Bericht von Fritz Grosch aus den 50er Jahren sowie eine Facharbeit von Karl Uwe Rasp aus dem Jahr 1986 zugrunde.

 

Im Dorf wurden in diesen April-Tagen des Jahres 1945 Vorkehrungen getroffen, um dem Anrücken der Amerikaner zu begegnen. Dazu gehörten auch die von Soldaten erstellten Verteidigungsbarrieren und eine vom Volkssturm aufgestellte primitive Panzersperre am westlichen Ortsrand. Am 9. April 1945 ging ein Zug der US-Armee mit sechs Panzern von der Wiesenbronner Höhe her gegen die Stellungen vor, wobei ein Panzer von einem Sturmgeschütz abgeschossen wurde. Zunächst zogen sich die US-Soldaten zurück; dann folgte ein erneuter Angriff, der ebenfalls abgewehrt wurde. Schlimm muss es dann in den Abendstunden geworden sein: „Gegen 19 Uhr setzt massiver Artillerie- und Granatwerfer-Beschuss ein. Auch Panzerkanonen nehmen Kleinlangheim unter Feuer und die Bevölkerung zieht sich in großer Eile in die alten Gewölbekeller zurück“, geht aus den Erzählungen und Berichten der Zeitzeugen hervor.

Weiter heißt es: Die Granaten finden im dicht bebauten Ort reichlich Nahrung und zahlreiche Gebäude, Wohnhäuser, Ställe und Scheunen gehen in Flammen auf. Eine Großlangheimer Augenzeugin schrieb an diesem Tag in ihr Tagebuch: „Kleinlangheim brennt lichterloh“. Manches Vieh ist dem Beschuss und den Bränden nahezu schutzlos ausgeliefert und verendet qualvoll, erstickt im Qualm oder wird von herabstürzenden Stalldecken erschlagen. In einer Feuerpause begibt sich eine Abordnung zum Befehlshaber der deutschen Soldaten: „Sie bitten ihn inständig, das Dorf aufzugeben, was dieser mit der Drohung der standrechtlichen Erschießung verweigert.“ Ein großer Teil der Einwohner flüchtet daher in das Breitholz.

 

In Haidt treffen alliierte auf deutsche Soldaten, die erbitterten Widerstand leisten. Die östliche Seite des Dorfes geht in Flammen auf, zwei amerikanische und fünf deutsche Soldaten fallen. Atzhausen bleibt unbehelligt bis auf den Schuss auf den Kirchturm, um den Beobachtungsposten zu vertreiben.

 

Alfred Bock aus Kleinlangheim erinnert sich noch heute an diesen Moment: „Ich war auf dem Kirchturm und die Granate, die einschlug, war zu meinem großen Glück ein Blindgänger. Wir hatten einen Hauptmann, der sofort den Rückzug anordnete.“

 

Dem Bericht der Bürgermeisterin bei der Gedenkfeier war weiter zu entnehmen, dass am 10. April 1945 die Amerikaner zwischen 10 und 11 Uhr den Ortsrand von Kleinlangheim erreichten und von Haus zu Haus das Dorf einnahmen, wobei ein GI getötet wurde. Immer noch leisteten vereinzelte deutsche Soldaten Widerstand. Viele ergaben sich und einige wurden erschossen, als die US-Soldaten im Bühl in Stellung gingen. Am Abend dieses Tages kehrten manche Geflohene ins Dorf zurück und fanden an Stelle ihres Anwesens nur noch einen Trümmerhaufen.

 

Die Bilanz beim Kampf um Kleinlangheim und Haidt: Zwölf tote deutsche Soldaten und vier tote Zivilisten in Kleinlangheim. In Kleinlangheim sind 36 landwirtschaftliche Betriebsgebäude, zwölf Wohnhäuser und eine Werkstatt zerstört, „darüber hinaus trug fast jedes Haus mehr oder weniger schwere Schäden davon“.

Nach dem Gottesdienst, den auch der gemischte Chor mitgestaltet hatte, gab es eine Gedenkfeier im Friedhof, die der Posaunenchor musikalisch umrahmte. An dem Grab, in dem sieben deutsche Soldaten und ein 17-jähriges Mädchen beerdigt sind, gedachten Pfarrer Gerhard Homuth, Bürgermeisterin Gerlinde Stier und Sigrid Gierth vom VdK-Ortsverband mit der Gemeinde der Toten und der Opfer des Kriegs. Dieter Zeller trug ein Gedicht des Zeitzeugen Ernst Schäfer vor, in dem dieser zum Ausdruck brachte, dass man die schrecklichen Zeiten des Zweiten Weltkrieges und des Kriegsendes nicht vergessen sollte und Versöhnung wichtiger sei als über etwas zu richten. Hans Braun von der Soldatenkameradschaft rief dazu auf, die Erinnerung an das Geschehen vor 70 Jahren wach zu halten, „auch dann, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt“. Die heutige Zeit mit vielen Kriegen zeige, dass die Menschheit nichts dazu lerne. Umso wichtiger sei es, sich für sich für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte einzusetzen.

Historiker Karl Paul: Das Kriegsende in Kleinlangheim